Integrale Spiritualität

Veröffentlicht auf von Heinz Pütter

Spiritualität rettet die Welt!

Ken Wilber und seine Vision für integrale Spiritualität

Die fortschreitende Globalisierung unserer Zeit stellt uns vor besondere Herausforderungen, die wir zu meistern aufgerufen sind. Wenn Mensch und Erde überleben wollen, gilt es für alle Völker, spirituelle Intelligenz zu entwickeln. Denn sie ist die Leitinstanz für künftige Formen friedlichen Zusammenlebens weltweit!

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»Evolution des Bewusstseins« und »integrale Spiritualität« – das sind zwei grundlegende Begriffe, die sich mit dem US-amerikanischen Philosophen Ken Wilber verbinden. Inzwischen hat sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und speziell in Deutschland eine immer größer werdende »Szene« von spirituell suchenden Menschen um Wilber und seine Ideen geschart. Es sind Menschen, die traditionelles Weisheitswissen und empirisch-naturwissenschaftliche Erkenntnisse miteinander verknüpfen möchten: auf der Suche nach einer neuen Ganzheit des Lebens. Doch im herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb und unter Theologinnen und Theologen wird Ken Wilber eher ignoriert. Wer ist dieser Mann? Und was sind seine Ideen?

Der US-amerikanische Philosoph Ken Wilber polarisiert. Es gibt Leser, die nach der Lektüre seiner Bücher ihr Leben ändern. Für seine Bewunderer ist er »die bezwingendste und vernehmlichste Stimme im gegenwärtigen Entstehungsprozess einer spezifisch westlichen Weisheit«. Kritiker halten ihn dagegen für einen Pseudo-Wissenschaftler, Esoterik-Guru oder bestenfalls New-Age-Denker. Wer also ist Ken Wilber? Ein Gesellschaftsphilosoph? Ein spiritueller Lehrer? Ein »Einstein des Bewusstseins«?


Ohne Zweifel gilt der interdisziplinäre Denker als einer der originellsten, aber auch umstrittensten Autoren der Gegenwart. Auch in Europa hat er inzwischen mit seiner Idee von einer integralen Spiritualität eine breite Leserschicht erreicht.

Doch der Vielschreiber – der inzwischen mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht hat – macht es seinen Lesern nicht leicht. Wilber lesen gleicht einer höchst anspruchsvollen akademischen Achterbahnfahrt durch Philosophie-, Psychologie-, Geistes- und Kulturgeschichte der vergangenen Jahrhunderte. Doch in Zeiten von banalen Twitter-Kurztexten ist dies auch schon wieder wohltuend.


Gerade bei Wilber verbieten sich Pauschalurteile nach dem Motto: »Man muss nicht den ganzen Kuchen essen, um zu wissen, wie er schmeckt.« Im Gegenteil: Das hochkomplexe Gedankengebäude des gelehrten Amerikaners ist in sehr viele Module unterteilt, die ihre unterschiedlichen Stärken haben – freilich auch Unschärfen. So trifft seine »Theorie von allem«, die sozusagen einer Suche nach der »Weltformel« gleichkommt, vor allem im universitären Establishment auf Skepsis und Vorbehalte.

Wilber wirbt für ein Denken ohne Scheuklappen und Grenzen. »Uns steht heute zum ersten Mal das gesamte menschliche Wissen zur Verfügung«, schreibt er in seinem Buch »Integrale Spiritualität« und fährt fort: »Was, wenn wir versuchten, auf der Basis gründlicher, kulturübergreifender Studien mithilfe sämtlicher großer Welttraditionen eine umfassende, komplexe, alles umschließende oder integrale Landkarte zu erstellen, welche die besten Elemente dieser Traditionen mit einbezieht?«


Wilber hat dies getan. Aus diesem Ansatz heraus hat er die Matrix seiner vier »Quadranten« entwickelt, die jeweils für kontemplatives, naturwissenschaftliches, soziales und kulturelles Denken stehen – oder anders ausgedrückt: für ICH, ES, WIR, SIE. Dies ist seine große Entdeckung. Integrales Denken soll alle vier Quadranten berücksichtigen (siehe Abbildung). So finden sich im oberen linken Viertel seines Modell-Quadranten Gedanken, Gefühle, Empfindungen. Der obere rechte Quadrant dagegen betrachtet diese Gedanken, Gefühle, Empfindungen sachlich von außen, beschreibt also etwa das limbische System, den Neokortex, Zellen oder Organe.

Die konventionelle Medizin zum Beispiel ist ein Ansatz des oberen rechten Quadranten. Der obere linke Quadrant steht für alternative Behandlungsmethoden. Wenn Gehirnphysiologen – so Wilber – das menschliche Gehirn untersuchen, untersuchen sie alle seine objektiven Bestandteile – doch Geist und Gehirn sind nicht dasselbe. Wilber: »Der Geist ist dasjenige, als was sich Ihr Bewusstsein von innen darbietet; das Gehirn ist einfach dasjenige, als was es sich von außen darbietet.« Freilich stehen Neurobiologie und Buddhismus bereits seit Langem über diese Frage im engen Dialog.

Ein anderes Beispiel: Was die Mystik beschreibt, erklärt der Wilber-Experte Michael Habecker, findet sich im oberen linken Quadranten. Quantenphysik ist wiederum in einem anderen Feld, rechts daneben. Beide Bereiche haben grundlegend verschiedene methodische Ansätze und einen jeweils anderen Blickwinkel auf das, was ist. Wilber zufolge kann man die ganzen quantenphysikalischen Gleichungen auswendig lernen und trotzdem keinerlei mystische Erfahrungen haben. Gleichzeitig kann man tiefe mystische Erfahrungen haben und keine Ahnung von Quantenphysik. Das sei ja auch nicht schlimm, beides sei eben auch nicht das Gleiche, so Habecker, Vorstandsmitglied des Integralen Forums in Frankfurt und Autor des Buches »Ken Wilber – die integrale (R)Evolution.

»Alle vier Quadranten beziehen sich in Wilbers System aufeinander, kein Bereich hat Vorrang. Nur wer alle vier Quadranten berücksichtigt, habe eine umfassende Sicht auf die Welt und könne insofern auch ganzheitlicher leben. »Wenn wir integral fühlen, denken und handeln, ist das immer mit einem Gefühl der Ganzheit oder Vollständigkeit verbunden«, heißt es in Integral Life Practice: »Als ob wir nichts Wichtiges ausgelassen haben.«

Die weiteren zwei der vier Quadranten stehen für den kulturellen Bereich, für Kommunikation und Beziehungen (links unten). Der rechte untere Quadrant schaut wieder von außen auf diese sozialen Systeme. Hier ist alles zu Hause, was mit dem Begriff »Systemtheorie« umschrieben werden kann. Hier haben auch die politischen und wirtschaftlichen Systeme ihren Ort.

Die moderne Zivilisation, stimmt Wilber in bekannte Klagen ein, vernachlässige die spirituelle und emotionale Erfahrung und verherrliche den rationalen und materiellen Aspekt des Lebens. Ergebnis sei ein spirituelles »Flachland« in den westlichen Industriegesellschaften. Um dem zu entkommen, reiche es aber eben nicht aus, »jahrelang auf dem Meditationskissen« zu sitzen, so Wilber. Immer wieder weist er darauf hin, dass meditative Techniken zwar der Königsweg für die Weiterentwicklung des Bewusstseins sind, aber auch zur Flucht aus der Wirklichkeit missbraucht werden können. Ja, selbst fortgeschrittene Meditierende und spirituelle Lehrer würden oft von der eigenen »Psychopathologie verfolgt, während ihre Schatten sie zur Erleuchtung hetzen und wieder zurückholen und überall am Weg Opfer hinterlassen«.


Zurzeit konzentriert sich Wilber auf den vom Integralen Institut in den USA entwickelten sogenannten »3-2-1-Prozess« zur Schattenproblematik, mit dem verdrängte Teile der Psyche in das Bewusstsein integriert werden sollen. »Die Arbeit mit dem eigenen Schatten oder unterdrückten Unbewussten ist eine absolut wesentliche Komponente jeder transformativen Lebenspraxis«, schreibt er. In den großen Weisheitstraditionen finde man »trotz all ihrer Weisheit« absolut nichts zum Thema Schattenproblematik. Wilber: »Das Verständnis von psychodynamischer Unterdrückung und ihren Behandlungsmethoden ist ein ausschließlicher Beitrag der modernen westlichen Psychologie.«



Der rote Faden in Wilbers Werk ist die Evolution des Bewusstseins. Der Weg führt von den niedrigsten zu den höchsten spirituellen und transpersonalen Stufen: »Dies sind die Stufen des inneren Ich auf seinem Weg zur höchsten Identität, vom Unbewussten über das Selbstbewusste zum Überbewussten.« Entwicklungsstufen gibt es danach auch im moralischen Bereich. So ist ein Mensch eher in seinem Ego zentriert, ein anderer in seinem Land oder seiner Nation oder gar zur »weltzentrischen« Stufe vorgedrungen – und es gibt noch weitere Sprossen auf der Leiter der menschlichen Entwicklung. Möglich sind natürlich auch Psychogramme mit hoher kognitiver Intelligenz und niedrigem moralischen Niveau – ein Klischee dafür ist etwa der geniale, aber skrupellose Nazi-Wissenschaftler.


Freilich muss hier kritisch gefragt werden, ob es nicht elitär ist, Menschen unterschiedlichen Bewusstseinsstufen zuzuordnen. Wilber würde die Kritik zurückweisen. »Er spricht das an und aus, was Wissenschaften wie die Entwicklungspsychologie sagen und wir sowieso laufend tun: unterscheiden und bewerten«, so Michael Habecker. Weil diese durch die westliche Psychologie nachweisbaren Stufentypen in »keiner spirituellen oder kontemplativen Schrift der Welt« zu finden seien, müssten spirituelle Erfahrungen auch entsprechend interpretiert werden – eben mithilfe der Entwicklungspsychologie.

Gerade an diesem Punkt zeigt sich Wilbers neuer evolutionärer Ansatz: Auch religiöse »Gipfelerfahrungen« entsprechen immer der Entwicklungsstufe, auf der ein Mensch, der solche Erfahrungen macht, sich gerade befindet – etwa auf der mythisch-magischen oder einer aufgeklärteren Stufe. Dabei relativiert sich alles – auch die Erleuchtung. »Wenn es eine Evolution gibt, welche Bedeutung kann dann Erleuchtung haben?«, fragt Wilber. Erleuchtung wird ja als so etwas verstanden wie das Einssein mit allem. Wilber: »Aber wenn sich alles ständig weiterentwickelt und ich heute erleuchtet werde, ist meine Erleuchtung dann nicht unvollständig, sobald der morgige Tag anbricht? Bin ich bei Sonnenuntergang wieder unerleuchtet? Gibt es irgendeine Definition von Erleuchtung hier und heute, nach der mir meine Erleuchtung morgen nicht wieder genommen wird?«


Auch wenn der amerikanische Philosoph vor allem dem Buddhismus nahesteht, so hat er sich doch auch intensiv mit anderen Weltreligionen beschäftigt. In jüngster Zeit würdigt er verstärkt die mystischen Elemente im Christentum. Zu den Vorbildern Wilbers zählen christliche Mystiker wie Meister Eckhart (ca. 1260-1328) oder Teresa von Avila (1515-1582). »Die Religion einer Gesellschaft ist das Haus ihrer Spiritualität, unlösbar verbunden mit ihrer evolutionären Entfaltung, ein kosmischer Vermittler vom Tod bis zur Unsterblichkeit«, formuliert er pathetisch. Christen, Buddhisten, Juden und Angehörigen anderer Weltreligionen, die sich spirituell weiterentwickeln wollen, empfiehlt Wilber: »Ergänzen!« So warnt er davor, sich einseitig und intensiv in bestimmte spirituelle Zustandserfahrungen zu vertiefen – ob in die Leere, Göttlichkeit oder den Heiligen Geist – und sich immer mehr von der Welt abzuwenden, ohne sich an einem breiteren, eben integralen Bezugsrahmen zu orientieren. Solche Menschen werden zu »tiefen Mystikern, die gleichzeitig engstirnige Fundamentalisten sind«, mahnt er immer wieder.


Um seinen Lesern vollends den Boden unter ihrem mühsam erarbeiteten Weltbild wegzuziehen, entlarvt Wilber viele liebgewonnene Denkbilder als »Mythos vom Gegebenen«. Damit meint er den Glauben daran, dass die Realität einfach gegeben ist, dass eine einzige, vorgegebene Welt existiert, »die mir das Bewusstsein mehr oder weniger so präsentiert, wie sie ist, statt einer Welt, die auf zahlreiche verschiedene Weisen konstruiert wird, bevor sie überhaupt in mein empirisches oder phänomenologisches Wahrnehmungsfeld tritt«. Der Mythos vom Gegebenen ist auch der Glaube daran, dass das Bewusstsein eines Individuums die Wahrheit vermittelt. Es gibt noch zahlreiche andere Definitionen dieses in der Philosophiegeschichte bekannten Begriffs. Man könnte auch sagen: Alles ist in Bewegung!

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