Habgier

reich1.jpgDie Habgier, eine der sieben Todsünden, ist durch die Finanzkrise nicht nur wieder salonfähig geworden – sie scheint ein wichtiges Denkmuster zu sein, um zu verstehen, was in den Jahrzehnten vor der Finanzkrise schiefgelaufen ist. »Die Gier war grenzenlos«, bekennt eine Börsenhändlerin, von der »Gier der Manager« ist allenthalben die Rede, und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) weitet in seinem Papier zur Finanzkrise diese Diagnose noch aus: Die »Gier«, also eine »Mentalität des schnellen Geldes«, sei »in der gesamten Gesellschaft« anzutreffen. Im gleichen Papier heißt es auch: »Ausgangspunkt der Finanzmarktkrise ist nach dem weithin übereinstimmenden fachlichen Urteil ein Mangel an Verantwortung, bis hin zur Verantwortungslosigkeit.«

Damit teilt das EKD-Papier eine Analyse, die gesellschaftlich – und besonders bei den gesellschaftlichen Fachleuten für Moral, also den Kirchen – weit verbreitet ist: Die Ursache der Finanzkrise liege in der Gier – und damit in einem moralischen Versagen. Umgekehrt sagt diese moralisch grundierte Analyse: Der Kapitalismus ist schon in Ordnung, wenn er denn auf moralischen Grundlagen beruht. Doch genau darin liegt das Problem.

Gier als Folge individueller Defekte

Solche moralischen Analysen sind nicht nur deshalb defizitär, weil sie in der Regel die strukturellen Grundlagen der Finanzkrise nur ungenügend erfassen. Bei diesen Analysen bleibt letztlich die Habgier unverstanden. Diese Todsünde hat eine lange Geschichte, über die man allerdings in den einschlägigen theologischen Lexika in Deutschland nichts erfährt; bestenfalls einige dürftige Hinweise zur psychischen Disposition vermeintlich habgieriger Menschen: Gründe für die Habgier seien »lebensgeschichtlich bedingte Mängel und Nöte im Bereich der Grundstrebungen nach Besitz, Geltung und Lust«. Als würde uns das helfen, eine »Mentalität des schnellen Geldes«, die es ja wirklich gibt, zu verstehen. Diese Formulierung in dem Lexikon für Theologie und Kirche ist vielmehr selber ein Indiz für den Bedeutungswandel, den die Habgier in ihrer langen Geschichte durchlaufen hat. Heutzutage wird sie als ein psychologisches Problem wahrgenommen, lange Zeit aber galt sie nicht nur als individueller Defekt, sondern auch als eine soziale Praxis; ja als eine Praxis, für deren Erkenntnis man keinen Psychologen brauchte, sondern den Ökonomen, weil die Habgier sich an bestimmten wirtschaftlichen Verhaltensweisen manifestierte.

Der Wucher als Ausdruck des Bösen

So galt Wucher im Mittelalter als ein deutlicher Ausdruck der Habgier; und »Wucher liegt dort vor, wo mehr zurückgefordert als gegeben wird«, so eine Formel aus dem 9. Jahrhundert. Auch wenn im Laufe des Mittelalters besonders das Zinsnehmen, also der Geldwucher, angeklagt wurde, weil Geld unfruchtbar sei und sich nicht ohne Arbeit vermehren könne, so war das Phänomen des Wuchers nicht auf den Geldzins beschränkt. Im 9. Jahrhundert konnten zum Beispiel auch Verleih und Rückgabe von Getreide unter den Vorwurf des Naturalwuchers geraten.

Das heißt: Beim Wucher ging es nicht nur um das Geld, sondern vielmehr um die Gerechtigkeit und die Balance in einer Gesellschaft. Wer mehr nehmen will, als er bereit ist zu geben, der verletzt die Gerechtigkeit, wonach immer nur Waren und Geld gleichen Wertes getauscht werden sollen. Besteht diese Gleichwertigkeit beim Kaufen und Verkaufen nicht, dann wird eine Seite über den Tisch gezogen – und die andere Seite erweist sich als habgierig.

Dieses Ideal des gerechtes Tausches von gleichen Werten setzt eine gewisse Produktionsweise voraus. Verständlich wird es auf der Grundlage von vorher verliehenen Produktionsmitteln: Vom Bauern, der sein Lehen bewirtschaftet, das er nicht erst kaufen musste, kann man verlangen, dass er sein Getreide zu einem gerechten Preis – also gegen Geld oder Waren gleichen Wertes – tauscht. Das heißt: Ihm wird verboten, bei einer erhöhten Nachfrage – zum Beispiel aufgrund einer Hungersnot – die Preise heraufzusetzen. Das Ausnutzen dieser Notsituation im Spiel von Angebot und Nachfrage wäre für die mittelalterlichen Denker ein klares Zeichen von Habgier gewesen.

Die Habgier wird zur Normalität

Wenn am Anfang der Produktionskette aber kein Lehen steht, sondern eine Investition, dann wird die Sache mit dem gleichwertigen Tausch schwieriger. Spätestens seit dem 12. Jahrhundert funktionierten wichtige Teile der europäischen Wirtschaft nur noch auf der Grundlage von Investitionen: Nicht nur die Fernhändler brauchten einen Kapitalvorschuss, um Schiffe in ferne Länder zu schicken, auch die städtischen Handwerker benötigten Geld, mit dem sie die Rohstoffe einkaufen konnten, bevor sie daraus Waren herstellten und verkauften. Die Struktur der Kapitalinvestition gehorcht aber der Logik eines ungleichen Tausches, denn nun muss die Geldvergabe durch Kredit oder durch eine Beteiligung bezahlt werden: Geld wurde nur riskiert, wenn der Geldgeber einen Gewinn erwarten konnte. Damit aber forderte er mehr zurück, als er gegeben hatte; erwies sich also im eigentlichen Sinne als habgieriger Wucherer.

Die moralische Kritik greift zu kurz

Auf diese neue Art des Wirtschaftens – Habgier wird Teil des Systems – mussten Kirche und Theologie Antworten finden. Sie taten es, indem sie das Wucherverbot einerseits grundsätzlich weiter aufrechterhielten, aber – sozusagen im Kleingedruckten – immer mehr Ausnahmeregelungen fanden: So erklärten die Theologen des späten Mittelalters, welche Verkaufs- und Darlehensoperationen erlaubt und welche verbotene Wuchergeschäfte waren. Dabei merkten die Theologen wohl, dass ihre Überlegungen faktisch zu einer Aufweichung des Wucherverbotes führten. Deswegen schärften sie den Geschäftsleuten ein, dass ein Geschäft immer verboten sei, wenn es mit einer wucherischen Gesinnung betrieben werde, wenn also der maßlose Gewinn das Ziel des Handels sei – auch wenn der Handel formal korrekt ablaufe. Damit aber leisteten sie, oft sicher ungewollt, der Privatisierung und Psychologisierung der Habgier Vorschub. Die Habgier war nicht mehr klar an den wirtschaftlichen Operationen ablesbar, sie wurde vielmehr eine heimliche Regung des Herzens.

Dass die kapitalgetriebene Wirtschaft in ihren Grundzügen dem folgt, was einmal als Habgier galt, irritierte die Theologen der frühen Neuzeit schon bald nicht mehr. Die moralisch gezähmte Habgier kann bis heute als Strategie zur Rechtfertigung des habgierigen Systems herhalten: Wenn die Menschen moralisch in Ordnung wären, funktionierte auch der ungleiche Tausch, heißt es. Das System selbst gilt als frei von Sünde – und muss dann auch nicht hinterfragt werden.

 

Bildunterschriften, Marginalien, Zitate:

Christoph Fleischmann ist evangelischer Theologe und Publizist. Zur Geschichte des Wirtschaftsdenkens schrieb er jüngst das Buch: Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion. Rotpunktverlag Zürich. Das Buch kann im Shop von Publik-Forum bestellt werden: Best.-Nr. 8627