Hindernisse gefährden den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien

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Fast ganz Deutschland träumt einen gemeinsamen Traum: den Traum der grünen Energiewende. Doch auch wenn Wind, Biomasse, Sonne und Wasser heute mehr als 16 Prozent des deutschen Strombedarfs decken, steht der größte Teil des Weges noch bevor. In nur vier Jahrzehnten soll laut Energiekonzept der Regierung der Anteil des Ökostroms auf achtzig Prozent klettern. Sonnige Aussichten und freie Fahrt für die Ökorevolution? Fehlanzeige. Der Blick von der Traumwelt in die reale Welt zeigt: Dem schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien stehen große Hindernisse entgegen.

Gewaltigster Bremsklotz für die Ökostrombranche ist die Konkurrenz zwischen erneuerbaren und konventionellen Energien. Eine vom Umweltministerium in Auftrag gegebene Leitstudie, die wegen ihrer unangenehmen Erkenntnisse erst auf Druck der Grünen hin im Netz auftauchte, belegt: Atomenergie, Kohlekraftwerke und mehr Erneuerbare auf einmal – das geht nicht. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke erfordert laut der Studie »die Stilllegung fossiler Kraftwerke in großem Umfang«. Doch stattdessen wird eine Vielzahl neuer Kohlekraftwerke gebaut. Die vermeintliche Brückenfunktion der Atomkraftwerke entpuppt sich als Hürde. Kohle- und Atomstrom verstopfen die Netze. Die Konsequenz: Der Druck steigt, den Ökostromausbau zu bremsen.

Solar- und Windstrom in der zweiten Reihe

Die Attacke der Bremser ist in vollem Gange«, sagt Ulf Gerder, Sprecher des Bundesverbandes Windenergie. »Immer häufiger stellen Vertreter der Stromkonzerne das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) öffentlich infrage.« Seit zehn Jahren legt das EEG fest, dass Ökostrom vorrangig ins Netz eingespeist und zu einem höheren Preis als handelsüblich vergütet wird. Neben RWE-Vorstand Jürgen Großmann und Eon-Chef Johannes Teyssen hat sich jetzt auch Hildegard Müller, Chefin des Stromverbands BDWE, zu Wort gemeldet. Ihre Forderung: Anbieter von Solar- und Windstrom müssten sich »systemstabilisierend« verhalten. Im Klartext: sich bei übermäßigem Stromangebot auch mal abschalten lassen. In der Ökostrombranche sorgen solche Vorschläge für blankes Entsetzen: »Der Kern des EEG, nämlich der Einspeisevorrang für Erneuerbare, würde außer Kraft gesetzt«, fürchtet Ulf Gerder. Bereits heute würden bei zu großem Stromangebot Windanlagen abgeschaltet.

Dass Vertreter konventioneller Energien derzeit gegen die Ökobranche wettern, kommt nicht von ungefähr: Im Herbst steht eine EEG-Novelle an. Obwohl das deutsche EEG als Erfolgsmodell gilt und weltweit von vielen Ländern kopiert wurde, verliert es an Zuspruch. Ähnlich steht es auch um den Rückhalt in der Bevölkerung: Laut einer Umfrage halten mehr als vierzig Prozent der Bürger die massive Ökoförderung für nicht mehr gerechtfertigt.

Bruderkrieg in der Ökobranche?

Der explosionsartige Boom der Solarenergie sorgt auch in der Ökobranche für Streit: In keinem Land der Welt wurde im Jahr 2010 so viel Solarstromleistung installiert wie in Deutschland. Angelockt von üppigen Einspeisevergütungen, pflastern deutsche Hausbesitzer ihre Dächer massenhaft mit Solarzellen. Den Preis dafür zahlen alle Verbraucher gemeinsam – als Aufschlag auf ihre Stromrechnung, die sogenannte EEG-Umlage. Erst Anfang des Jahres stieg sie von 2 auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Obwohl Solaranlagen deutlich weniger Strom erzeugen als Windräder, verursachen sie etwa die Hälfte der gesamten Ökokosten. Das sorgt für Missmut bei den Windkraftlobbyisten: Sie fürchten um den guten Ruf der gesamten Ökostrombranche.

»Die Förderung für Solarstrom muss stark gekürzt und gedeckelt werden«, fordert Olav Hohmeyer, Energieökonom und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU). Er wirbt für den Ausbau riesiger Windparks auf See. Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen, sieht das anders: »Solarenergie ist eine wichtige Ergänzung zu Wind und kein Gegensatz.«

Wind gegen Sonne: Droht ein Bruderkrieg in der Ökobranche? »Eher ein erbitterter Interessenkonflikt zwischen zentralen Großprojekten wie Offshore-Windparks und dezentralen Lösungen wie Solarstrom von Hausdächern«, sagt Wolf von Fabeck, Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins. Dass der Solarstrom zum Sündenbock gemacht wird, hält von Fabeck für falsch: »Nicht die Solarenergie, sondern der mangelnde Wettbewerb unter den Energiekonzernen ist schuld an zu hohen Strompreisen.« Der Bundesverband Erneuerbare Energien liefert einen Vergleich: Von 2000 bis 2010 stieg der Monatsbeitrag eines durchschnittlichen Haushalts für die EEG-Umlage um rund fünf Euro. Die monatliche Stromrechnung erhöhte sich im gleichen Zeitraum um etwa 30 Euro. Hans-Josef Fell betont: »Die Kosten für Fotovoltaik fallen rapide. Die Duke University in den USA hat gezeigt, dass Strom aus neuen Fotovoltaik-Kraftwerken billiger ist als Strom aus neuen Atomkraftwerken.«

Tank oder Teller?

Das EEG beschert nicht nur der Solarenergie, sondern auch der Biomasse einen Boom: »Die Anbaufläche für Energiemais hat sich in den letzten sechs Jahren von 70 000 Hektar auf über 600 000 Hektar nahezu verzehnfacht«, beklagt Carsten Wachholz, Energieexperte des Naturschutzbundes Deutschland.

Biogasanlagen funktionieren ähnlich wie der Magen einer Kuh: Stoffe wie Gülle oder Pflanzenabfälle vergären in luftdichten Tanks. Methanhaltiges Gas entsteht. Mit Hilfe des Gases können Strom und Wärme erzeugt werden: CO2-neutral und ganz ohne fossile Brennstoffe. Da sich Biogas gut speichern lässt, ist es eine wichtige Ergänzung zur unsteten Energie aus Sonne und Wind. Über fünf Prozent des deutschen Strombedarfs werden durch Biomasse gedeckt.

Doch in den Tanks der 6000 Biogasanlagen in Deutschland landen nur selten Pflanzenreste und Stallmist: In rund neunzig Prozent der Anlagen blubbert eigens für diesen Zweck angebauter Mais. Rechnet man die Getreide- und Rapsfelder, die für Biotreibstoff verwendet werden, hinzu, wachsen auf zwei Millionen der insgesamt zwölf Millionen Hektar Ackerfläche in Deutschland Energiepflanzen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz warnt: Durch die neue Spritsorte E10 steige der Bedarf an Energiepflanzen noch stärker.

Wenn jedoch Mais für Biogasanlagen Grünland verdrängt, hat das fatale ökologische Folgen: »Ein Maisfeld ist biologisch tot«, sagt Carsten Wachholz und verweist auf Gefahren der »gelben Plage« wie Bodenerosion und Verlust der Artenvielfalt. Maismonokulturen erfordern viel Pestizide und Dünger. Durch Stickstoffdünger wird Lachgas frei: Das aber ist dreihundertmal klimaschädlicher als Kohlendioxid.

Landen Roggen, Raps und Mais statt auf Tellern zunehmend in Tanks, verknappen sich die Agrarressourcen für Lebensmittel und Futter. Pachtpreise schießen in die Höhe; immer mehr Biomasse wird aus Entwicklungs- und Schwellenländern importiert. Um diese Schattenseiten des Biogasbooms zu bekämpfen, muss das Subventionsgeflecht des EEG verändert werden, das die Verwendung nachwachsender Rohstoffe belohnt. Die finanziellen Anreize müssten so gesetzt werden, dass sich der Einsatz von Gülle und anderen Reststoffen stärker rentiert.

Netze und Speicher

Handlungsbedarf besteht auch beim Ausbau der Netze. Deutschlands veraltetes Netz ist den kühnen Visionen der erneuerbaren Energien nicht gewachsen. Um Stau auf deutschen Stromautobahnen zu vermeiden und Energie vom Norden in den Süden zu transportieren, veranschlagt die Deutsche Energie Agentur bis zu 3600 Kilometer zusätzlicher Stromtrassen. Kostenpunkt: sechs Milliarden Euro. Auch Umweltminister Norbert Röttgen prophezeit gigantische Kosten: Für zusätzliche Netze rechnet er europaweit mit einem dreistelligen Milliardenbetrag.

Doch die Umsetzung läuft schleppend: Der Zubau privater Investoren ist bislang bescheiden. Komplizierte Genehmigungsverfahren verzögern den Prozess. Und dazu kommt: Wo neue Leitungen gewaltige Schneisen schlagen und riesige Strommasten in den Himmel ragen, formiert sich oftmals Widerstand wie beispielsweise im niedersächsischen Bad Gandersheim.

Noch drängender ist der Ausbau von Speicherkapazitäten. Wind und Sonne sind naturgemäß unzuverlässig: Mal gibt es Tage, an denen Wolken die Sonne verhängen und Windstille die Räder lahmlegt. Mal toben orkanartige Böen und pressen große Mengen an Windstrom ins Netz. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group sind bis zum Jahr 2030 allein in Deutschland Investitionen in Höhe von 25 bis 30 Milliarden Euro für neue Energiespeicher nötig.

Besonders geeignet erscheinen Pumpspeicherkraftwerke: In Zeiten von »zu viel« Strom befördern Pumpen Wasser in höher gelegene Becken. Wird Strom benötigt, lässt man die Wassermassen herabstürzen und treibt dadurch Turbinen an. Derzeit ist nur ein einziger Neubau eines Pumpspeicherkraftwerks in Planung: in Atdorf im Südschwarzwald. Doch auch hier tobt ein erbitterter Kampf zwischen Gegnern und Befürwortern, die im Prinzip für das gleiche Ziel kämpfen: den Umweltschutz.

Aus der Traum?

Fest steht: Die grüne Energiewende hat ihren Preis. Dennoch führt am schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien kein Weg vorbei. Nichtstun käme Deutschland noch viel teurer zu stehen. »Die vergangenen und externen Kosten von Kohle und Atom werden zahlenmäßig nicht erfasst – die Risiken auf künftige Generationen abgewälzt«, sagt Ulf Gerder. Zudem ignoriert die Fixierung auf Kosten, dass die Investitionen in den Ökostrom schon heute 350 000 Arbeitsplätze geschaffen haben – und in Zukunft noch Hunderttausende Jobs schaffen werden. Hinzu kommt, dass viele dieser Investitionen den Gemeinden zugutekommen; der Wettbewerb in der Stromerzeugung wird verbessert. Der grüne Traum von heute schafft also die Wirtschaft von morgen.

Wirklichkeit wird dieser Traum jedoch erst, wenn die vielfältigen Ansätze der grünen Energiewende zu einem Gesamtkonzept gebündelt werden: Es muss klären, ob auch ökologisch ist, was »öko« genannt wird. Es muss deutlich machen, dass vieles von dem, was heute als Kosten diffamiert wird, in der Realität Investitionen in die Zukunft sind. Es muss zeigen, wie wichtig Energiesparen ist. Und es muss die Interessen der Menschen vor Ort berücksichtigen, denn »grüne« Alternativen können nicht gegen die Bürger durchgesetzt werden.

Wenn den ›Energiewendern‹ dies nicht gelingt, dann arbeiten sie jenen in die Hände, die noch möglichst lange Atom- und Kohlestrom liefern wollen.

Quelle: http://www.publik-forum.de/