Tschernobyl

http://83.133.184.252/movies/images/stories/tschernobyl.jpgSie wussten nicht, was sie riskierten. Heute sind sie krank, verarmt, vergessen – und trotzdem stolz auf ihre Arbeit. Ein Besuch bei den Liquidatoren von Tschernobyl

Von Irene Dänzer-Vanotti

 

Wie wir uns vor den Strahlen schützen könnten, wurde uns nicht gesagt. Außer einem kleinen Mundschutz hatten wir nichts.« Igor Pysmenskyi gehörte zu den ersten Helfern nach der Katastrophe von Tschernobyl. »Der Reaktor musste zugeschüttet werden. So schnell wie möglich.«

Am Morgen des 26. April 1986 klingelte bei ihm das Telefon. Er war 24 Jahre alt, verheiratet, hatte ein kleines Kind und war erst wenige Wochen zuvor von der Front in Afghanistan zurückgekehrt, wo die Sowjetunion seit 1980 Krieg führte. Igor Pysmenskyi war Offizier der Sowjetarmee. Er begab sich zum Sammelplatz in Kiew. Busse brachten ihn und andere Hubschrauberpiloten nach Nordosten. Soldaten und Reservisten, eilig herbeigekarrt, füllten Säcke mit Sand, Dolomit und Blei. Diese Mischung sollten die Hubschrauberpiloten über dem strahlenden Reaktor abwerfen. Afghanistankämpfer waren besonders gefragt, denn sie hatten zielen gelernt. »Wir stiegen auf, blieben 200 Meter über dem Reaktor in der Luft stehen und warfen die Säcke ab.« Welche Gefahr mit ihrer Mission verbunden war, erfuhren die Piloten nicht. Die Hubschrauber waren nicht einmal mit einem zusätzlichen Boden zum Schutz vor Strahlen ausgerüstet. 345 Piloten flogen im Minutentakt. Nach drei Flugtagen bekam Igor den Befehl, das Gelände zu verlassen. Jetzt sei seine Strahlendosis zu hoch.

»Ich war froh, dass ich schon ein Kind hatte«

Igor Pysmenskyi ist heute ein stattlicher Mann, trägt einen modischen Pullover und einen eleganten Mantel. Er wirkt kraftvoll. »Aber gesund bin ich nicht. Herz, Blutdruck – nichts ist so richtig in Ordnung.« Mit 36 Jahren wurde er wegen seiner Krankheiten aus der Armee entlassen: »Das schmerzt mich immer noch.« Dabei bekam er strenge Anweisung, nicht über den Einsatz in Tschernobyl zu sprechen. Dass die Strahlen an seinen Krankheiten schuld sein könnten, wollten die Behörden nicht wahrhaben. »Ich bin nur froh, dass ich damals schon ein Kind hatte«, sagt er. »Meine Kameraden hatten viele Probleme oder konnten gar keine gesunden Kinder bekommen.«

»Liquidatoren« werden die überlebenden Helfer von Tschernobyl genannt. Igor Pysmenskyi hat eine kleine Organisation für all diejenigen gegründet, die damals dabei waren. Denn die Liquidatoren werden kaum vom Staat unterstützt. Zuschläge auf Renten, die ihnen eigentlich zustehen, müssen sie vor Gericht einklagen. Die meisten haben weder Energie noch Geld dafür. »Ich habe 41 verschiedene Krankheiten«, sagt etwa Alexander Naumov: »Ich werde nicht vor einem Richter erscheinen und die Diagnosen im Einzelnen beweisen. Ich war dabei, als wir die Menschen vor den Strahlen gerettet haben: Entweder sie glauben mir das, oder sie lassen es bleiben.« Dabei könnten die Überlebenden eigentlich jede finanzielle Hilfe brauchen. »Wer in der Ukraine an Krebs erkrankt, wird arm«, sagt Lubov Negatina, die das Büro des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) in Kiew leitet. Es gibt keine Krankenversicherung und keine medizinische Grundversorgung. Krebspatienten müssen ihr Hab und Gut verkaufen, um die Therapie zu bezahlen. Das gilt auch für Liquidatoren.

»Wir haben Menschenleben gerettet«

In den ersten Jahren nach der Katastrophe waren 650 000 Menschen an den Aufräumarbeiten beteiligt, allein 90 000 bauten den Sarkophag um den zerstörten vierten Reaktorblock. Trotz der Spätfolgen ist der 49-jährige Igor Pysmenskyi auch froh, dabei gewesen zu sein: »Wir haben Menschenleben gerettet. Man kann sogar sagen, wir retteten die Menschheit.« Für die Reporterin aus Deutschland ist es ein besonderer Moment, mit Igor Pysmenskyi zu reden, 25 Jahre nach Tschernobyl, in einem Hotel in Kiew, das von den mageren Grünpflanzen über die voluminös gemusterten Tapeten bis hin zur Aufseherin noch viele Reste der Sowjetunion beherbergt. Wie kommt es, dass er noch lebt? Darauf gibt es keine Antwort, er hatte eben Glück. Die Unsicherheit, die im Kontakt mit gezeichneten Menschen oft aufkommt, wächst im Gespräch mit Igor, trotz seines festen Auftretens. Igor bedankt sich, dass er von Tschernobyl erzählen kann. In der Ukraine würde sich niemand für seinen Einsatz interessieren: »Für die wäre es einfacher und billiger, wir wären tot.«

Alexander Naumov hat sein ganzes Leben mit seiner Familie in einer Wohnung mit zwei schmalen Zimmern gelebt. Einziger Luxus ist die Zigarette, die er sich im Hausflur vor dem polternden Lift genehmigt. Auch er war Offizier der Sowjetarmee. Heute sieht er sich als Archivar der verstrahlten Zone. Er zeigt die Fotos, die er damals trotz des Verbots in Tschernobyl gemacht hat: Ein Hubschrauber, wenige Meter über dem Reaktor, unmittelbar daneben eine schräg in den Himmel steigende, helle Strahlensäule. Wenn der Mensch schon kein Sinnesorgan für Radioaktivität hat, so doch wenigstens der Fotoapparat.

Die einen sind sarkastisch, die anderen stolz

Jeder der Helfer geht mit seinem Schicksal ein bisschen anders um. Naumov ist witzig, sarkastisch und bockig. Er will die Erinnerung gegen jeden Widerstand wach halten. Seine ärmliche Behausung, seine 41 Krankheiten, seine selbstgestellte Aufgabe und seine 200 Euro Rente beschämen die Reporterin. Denn auch Alexander Naumov ist es zu verdanken, dass wir nach Tschernobyl schon bald wieder normal leben konnten. Die Kernschmelze in Tschernobyl gilt als GAU, als der größte anzunehmende Unfall. Aber nach allem, was die Rettungskräfte der ersten Tage berichten, wurde das wahrhaft größte anzunehmende Unglück am 7. Mai 1986 noch mit knapper Not verhindert.

Nikolai Bondar war 21 Jahre alt, unbekümmert. Als Reservist der Sowjetarmee kam er arglos mit nach Tschernobyl. Erst als er in einem Flüsschen neben dem Lager tote Krebse sah, wurde er misstrauisch. Nach etwa zehn Tagen berief ein Funktionär im Zeltlager eine Versammlung ein: »Er berichtete, dass eine äußert gefährliche Situation entstanden sei«, erzählt Nikolai Bondar 25 Jahre später. Die Feuerwehr habe den Reaktor mit Wasser zu kühlen versucht. So sei viel Wasser in das System gelangt und der Boden drohte nun zu brechen, sodass es zu einer Atomexplosion kommen könnte. »25 Männer wurden gesucht, um das Wasser abzupumpen«, erzählt Bondar. Er habe sich sofort gemeldet. »Obwohl der Funktionär sagte, er könne nicht garantieren, dass wir von diesem Einsatz zurückkehren.«

Es gelang. Sie pumpten das hochverstrahlte Wasser in Feuerwehrschläuchen aus dem Reaktorblock. Wie es kommt, dass Nikolai Bondar das überlebt hat und sogar heute noch als Meister in einer Brauerei arbeiten kann, weiß er selber nicht.

Sie hatten genug von den Lügen

»Retter Europas« nennt der IBB die Liquidatoren. Ein großes Wort. Aber sicherlich wäre Europa nach Tschernobyl noch weit stärker verstrahlt worden, wenn sie nicht dort gewesen wären. »Nur die Sowjetunion, in ihrer Größe, ihrem fast unerschöpflichen Reservoir an Menschen und mit ihrem undemokratischen System konnte mit dieser Katastrophe umgehen«, glaubt nicht nur Hubschrauberpilot Igor Pysmenskyi. Andere sind überzeugt, dass die Geheimnispolitik um den Reaktorunfall wesentlich zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen hat. »Die Leute hatten einfach genug davon, angelogen zu werden und wurden deshalb mutiger«, sagt der ehemalige Tschernobyl-Ingenieur Anatoli Koladin. Der 62-Jährige sieht aus wie ein alternder Künstler, hat sein weißes Haar zu einem dünnen Zopf gebunden. Die Freude seines Lebens sind heute seine Enkel – und die Angst seines Lebens. Denn niemand weiß, ob sie durch die Strahlung, die er aufnahm, in Mitleidenschaft gezogen sind.

Anatoli Koladin wurde am Morgen des 26. April angerufen, er solle schon um sieben Uhr an seinen Arbeitsplatz in der Überwachung von Block vier kommen, nicht erst um acht. Es sei etwas passiert. Auf dem Weg sah er einige Züge voller Menschen. Irgendjemand hatte die Bewohner dazu bewegt, die Stadt Pripjat zu verlassen. Er sah auch 700 Busse, die weitere Menschen abtransportieren sollten. Aber wer und wann? Weil das noch unklar war, standen die Busse mit ihren 700 Fahrern viele Stunden in der Sonne. Und in den Strahlen. Die 49 000 Einwohner von Pripjat verließen die Stadt am 28. April. Sie kehren – abgesehen von einigen Plünderern und Unbelehrbaren – bis heute nur zurück, um einmal im Jahr die Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen. Mehr als 300 000 Menschen in der Ukraine und Weißrussland wurden infolge der Reaktorkatastrophe umgesiedelt, heißt es.

Anatoli Koladin aber blieb. Er half mit, den Reaktor mit Wasser zu kühlen. »Schutzanzüge hatten wir nicht«, sagt er. »Wir wurden mit leeren Händen zur Reparatur geschickt.« Die Schuld, dass so viele verstrahlt wurden, gibt er dem System: »Die Menschen wurden in die Situation geschmissen wie Scheite ins Feuer.«