Welthunger

0001.jpgEine Milliarde Menschen hat zu wenig zu essen, obwohl es immer mehr Lebensmittel gibt. Warum nur?

 

Agrokraftstoffe sollten nur dann in die Europäische Union eingeführt werden, wenn ihre Herstellung strengen ökologischen und sozialen Ansprüchen genügt. Diese Forderung erhebt das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt. Immer häufiger erwerben Großkonzerne riesige Ländereien in Entwicklungsländern, um dort Soja, Ölpalmen oder Zuckerrohr anzubauen. Daraus werden dann sogenannter Biosprit oder Biodiesel hergestellt. »Die Landbevölkerung bleibt bei dieser weltweiten Entwicklung auf der Strecke«, sagt Carolin Callenius, die Koordinatorin der Kampagne Niemand isst für sich allein.

Mehr Nahrungsmittel sind keine Lösung

Manche Zusammenhänge erscheinen so logisch, dass sie ständig wiederholt, aber kaum je infrage gestellt werden. Dazu zählt der Glaube, man könne den Welthunger einfach mit mehr Nahrungsmitteln bekämpfen. Die Wirklichkeit widerlegt diese scheinbar unerschütterliche Logik. Jahr für Jahr stehen weltweit genügend Kalorien zur Verfügung, um auch eine wachsende Menschheit zu ernähren. Dass die Mär vom Mangel an Nahrungsmitteln dennoch die Diskussion beherrscht, hat einen tiefen Grund: Viele Verantwortliche in Politik und Wirtschaft, aber auch viele »normale« Bürger wollen den wirklichen Ursachen des Welthungers lieber nicht ins Auge blicken.

Der Luxuskonsum toppt alles

Rund 2200 Millionen Tonnen Getreide wurden 2009 produziert. Davon steht jedoch nur etwas mehr als die Hälfte direkt als Nahrungsmittel zur Verfügung. Mehr als 800 Millionen Tonnen dienen als Futtermittel für den hohen Fleischkonsum in den USA, in Europa, aber auch in China, Indien, Brasilien und Indonesien. Da für eine Kalorie Fleisch mindestens sieben Kalorien Getreide an Tiere verfüttert werden, gehen große Mengen an Nahrungsmitteln für den Luxuskonsum drauf. Zu alledem fließt eine wachsende Menge an Getreide in die zunehmende Produktion von Agrosprit. Noch ist die Menge vergleichsweise gering, doch ein Boom bei Agrosprit könnte die weltweite Menge an verfügbaren Nahrungsmitteln weiter schmälern.

Fatale Handelsstrukturen

Ebenso verantwortlich für den Welthunger sind die fatalen Strukturen des Welthandels und die Dominanz des Großgrundbesitzes in vielen Ländern des Südens. Obwohl sie selbst ihre Landwirtschaften üppig subventionieren, fördern die Regierungen der reichen Länder einen möglichst freien Welthandel mit Agrargütern. Sie wollen in den Genuss billiger Nahrungsmittel aus dem Süden kommen. Doch das hat Folgen: Großgrundbesitzer im Süden exportieren Getreide wie Mais oder Sojabohnen in den Norden und bauen lieber Exportfrüchte wie Ananas an statt Nahrungsmittel wie Hirse. Dadurch gehen der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel verloren. Als »Gegenleistung« liefern Europäer und Amerikaner dann billige, weil hochsubventionierte Nahrungsmittel aus ihren Überschüssen in den Süden. Diese zerstören dort die lokalen Agrarmärkte und kommen allenfalls einer dünnen Verbraucherschicht in den Städten zugute.

Der – fast – freie Welthandel nützt in erster Linie den Großgrundbesitzern. Sie bebauen jedoch zumeist nur einen kleinen Teil ihrer oft riesigen Ländereien. Über 600 Millionen Menschen würden dagegen gerne Land bewirtschaften, besitzen aber keines – oder es sind so kleine Parzellen, dass sie davon kaum ihre Familien ernähren können. Zu den Hungernden zählen auch jene Abermillionen, die in der Dritten Welt vom Land in die Städte ziehen, und dort hungern, weil sie sich nicht ausreichend Lebensmittel leisten können.

Und als gäbe es nicht schon genügend Probleme, drängen auch noch Spekulanten in den Handel mit Nahrungsmitteln. Die Golfstaaten, China und andere Länder erwerben große Landflächen in Afrika und Südasien, um Lebensmittel für ihren eigenen Bedarf anzubauen. Große Finanzinvestoren pachten riesige Ländereien im Süden der Welt, weil sie wissen (oder hoffen), dass Nahrungsmittel bald teurer werden. Da winken hohe Gewinne.

Ein neuer Lebensstil

So mangelt es denn nicht an Nahrungsmitteln. Eine wachsende Zahl von Menschen hungert, weil die Wohlhabenden in den Industrieländern und die Neureichen in den Schwellenländern immer mehr Nahrungsmittel für ihren industriellen Wirtschafts- und Lebensstil beanspruchen. Unter diesen Bedingungen einfach mehr Nahrungsmittel zu produzieren, hilft nicht weiter. Wer den Welthunger bekämpfen will, muss den Wirtschafts- und Lebensstil der Reichen, die Strukturen des Welthandels und die Machtverhältnisse in den ländlichen Regionen des Südens infrage stellen.

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