Die neue Schöpfungsgeschichte

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von Thomas Berry

Als verbindlicher Schöpfungsmythos der westlichen Welt hat sich in den letzten 2500 Jah­ren jene Geschichte durchgesetzt, die wir aus dem Buch Genesis kennen: die Geschichte der Erschaffung der Welt in sieben Tagen, in der ein patriarchaler Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf und die folgenschweren Worte sprach: "Seid fruchtbar, mehret Euch und füllet die Erde und macht sie Euch untertan." Das Buch Genesis und seine Schöp­fungsgeschichte, mit dem sich die Zivilisationen des Mittelmeerraums endgültig von den alten Naturreligionen lösten, erfüllte bis vor wenigen hundert Jahren seine Funktion: es be­antwortete nicht nur die ewige menschliche Frage nach dem Woher, sondern auch nach dem Wohin, indem es den Menschen über den Rest der Schöpfung stellte und Herrschaft wie Kontrolle in Aussicht stellte.

Während sich unser Wissen um die Welt, um die Gesetze des Kosmos, seiner Entstehung und Evolution in den vergangenen 2500 Jahren vollständig verändert haben, ist der altte­stamentarische Schöpfungsmythos unberührt geblieben. Doch er führt in der Gegenwart eine Schattenexistenz, findet nur noch in einem engen theologisch-kirchlichen Umfeld An­erkennung und wird als überholtes Märchen wahrgenommen. Als verbindliches Urmuster unserer Wahrnehmung der Welt jedoch wirkt er weiter, weil sich unsere Kultur nicht auf einen neuen verbindlichen Schöpfungsmythos festgelegt hat. Geht es um unsere Beziehung zur Welt, zur Natur, zum Kosmos, dann hängen wir in der Luft. Die religiösen Traditionen der modernen Welt haben bis in die jüngste Vergangenheit darin versagt, eine Theologie der Ehrfurcht für die Schöpfung bereitzustellen. Wollen wir die Probleme der Gegenwart bewälti­gen, müssen wir die gesamten Grundlagen der westlichen Zivilisation inklusive ihrer Mythen überdenken.

Vom Kosmos zur Kosmogenese

Die moderne Wissenschaft und Forschung versorgt uns seit Jahrzehnten mit faszinieren­den neuen Einsichten in die Struktur der Wirklichkeit, einem neuen Verständnis des Lebens und erklärt immer mehr, wie der Mensch hereinpaßt in das Muster des Seins. Diese Einsich­ten sind aus der empirischen Erforschung der Erde und des Universums entstanden. Wir sind längst von einem Verständnis von der Schöpfung des Kosmos zu einem Verständnis der Kosmogenese, des Schöpfungsprozesses gelangt.

Die moderne Kosmologie hingegen berichtet uns von einem evolutionären und expandie­renden Universum , in dem in jedem Augenblick die Schöpfung durch eine Reihe von irre­versiblen Wandlungsprozessen neu geschaffen wird und sich dabei von niedrigen zu hoch komplexen Formen, von geringen zu hohen Bewußtseinsstufen und von wenig zu viel Frei­heit wandelt. In einer solchen Welt brauchen wir ein anderes, ein neues Verständnis des Universums. Denn die alte Stabilität und Sicherheit der ewigen Wiederholung und Wieder­geburt zerfällt in einem Universum, das sich ständig verändert und entwickelt. Wir stehen dann verständnislos vor einem Universum, das uns Angst macht. Die alte Schöpfungsge­schichte, auf die sich unsere Kultur als verbindender Mythos berufen hatte, stimmt immer weniger überein mit den Beobachtungen der Schöpfung, die wir mit Hilfe der modernen na­turwissenschaftlichen Instrumente machen. Und der technologische Mythos einer vollauto­matisierten Maschinenwelt, der die biblische Geschichte ersetzen sollte, stimmt nicht über­ein mit unseren sinnlichen Erfahrungen, unserem Gefühl und unserer Intuition. Weil die jüngsten Früchte unserer Erkenntnis auf vielerlei Weise also nicht mehr zu den Wurzeln un­seres Mythos passen, scheint es an der Zeit, die Schöpfungsgeschichte neu zu formulieren.

Wir brauchen eine neue Schöpfungsgeschichte einfach deshalb, weil wir heute mehr über das Universum wissen, als jemals zuvor. Wir haben das Universum durch empirische Beob­achtung erforscht. Wir haben beobachtet und gemessen und erkannt, daß die Erde Teil eines galaktischen Systems ist, das seinerseits Teil eines Galaxienhaufens ist. Wir können jetzt beweisen, daß diese Galaxien sich fortwäh­rend weiter voneinander entfernen und dies schon seit Milliarden von Jahren tun. Wir wissen mit ziemlicher Sicherheit, das das Universum zwischen 15 und zwanzig Milliarden Jahren alt ist. All das wissen durch ein bestimmtes Maß an Beobachtung des Universums. Diese Beob­achtungen sind die Wurzel für unsere neue Schöpfungsgeschichte, die nicht weniger ge­waltig und ehrfurchtsgebietend ist als die alten Mythen, uns aber wesentliche Einsichten vermittelt über die Stellung des Menschen im Universum und in der Evolution.

Die Geschichte der Schöpfung

15 Milliarden Jahre ist es her, daß das Universum in einer einzigen Explosion aus Licht, Energie und Kreativität geboren wurde. Alles, was heute Teil des Kosmos ist, hat seine Wur­zeln in diesem Moment, der zur Bedingung aller künftigen Existenzformen wurde. Denn mit ihm entstand die Zeit, der Raum, das Licht und die Grundstrukturen dessen, was sich später zu Materie verdichten sollte. Am Anfang des Universums gab es verschiedene Möglichkei­ten. Nichts in dieser Phase war permanent: Quarks, Elektronen, Protonen, Photonen, Neutro­nen und ihre Antikörper erschienen, interagierten und verschwanden im kosmischen Feuer des Anfangs. Weil mit dem Feuerball der Raum erst entstand, war alles Feuer, gab es kein Innen und Außen. Obwohl alles in diesem kosmischen Wirbelsturm verbrannt wäre, ist der­selbe doch die energetische Quelle, die jeden Regenwald am Leben hält oder das Blut durch unsere Adern schickt: Alles, was existiert läßt sich zurückführen auf dieses unfaßbare Ereignis, das die Kraft hatte, Milliarden von Galaxien über 15 Milliarden Jahre hinweg entste­hen zu lassen. In einer Reihung von dynamischen Balancen erhielt und differenzierte sich das Universum und machte damit erst alle künftigen Lebensformen, vom Aufbrechen eines Samens bis zum Sprung eines Delphins, möglich. Die erste Phase der Existenz des Univer­sums endete, nachdem sich die freien symmetrischen Interaktionen der Energien und Parti­kel in feste Strukturen der Interaktion und erste Grundgesetze ordnete: der Schwerkraft, des Elektromagnetismus und der Atomkräfte. Aus der einen schöpfenden Kraft waren vier schöpferische Aktivitäten geworden, die die Architektur aller Strukturen im Universum be­stimmen sollte: von der maximalen Größe der Planeten bis zur Sprungkraft der Säugetiere. Nichts genügte sich selbst. Nach der ersten Sekunde der Existenz und einer bereits millio­nenfachen Transformation endete die Gleichzeitigkeit von Schöpfung und Zerstörung. Das verbleibende Milliardstel der zunächst vorhandenen Materie/Energie trat in eine zweite Phase ein: jene der dauerhaften Beziehungen, Symbiosen und Strukturen.

Die Entfaltung der Schöpfung geschah vom ersten Moment an in einer Eleganz, die alle komplexen Möglichkeiten künftiger Entwicklungen offen hielt. Doch das Universum als Gan­zes ist eine einzige vielfältige Entwicklung, in dem jedes Ereignis mit allen anderen in einem Gewebe aus Raum-Zeit miteinander verbunden ist. Wir sind Teile eines Uni-versums, nicht eines Pluri-versums.

Nach einer Milliarde Jahren ununterbrochener Dunkelheit hatten die komplexen physikali­schen Interaktionen zur Bildung von Billiarden verschiedener Wolken aus Wasserstoff und Helium geführt, die in sich zusammenbrachen und sich in der Geburt von Galaxien und Ster­nen entzündeten. All das geschah zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem ganz be­stimmten Zusammenhang im Verlauf der kosmischen Evolution. In der ersten Generation von Sternen wäre ein Planet wie die Erde gar nicht möglich gewesen, denn um ihn im Uni­versum entstehen zu lassen, brauchte es gewaltige Wandlungsprozesse jener physikalischen Bedingungen, wie sie zum Beginn des Universums geherrscht hatten. Da die ursprünglichen Galaxien nur aus den leichten Elementen Wasserstoff und Helium bestan­den, mußten die schweren Elemente erst noch entstehen. Wir brauchten viel mehr als diese zwei Elemente. Um die Erde entstehen zu lassen brauchte es 90 Elemente. Dies war nur möglich, indem die erste Generation der Sterne in unserer Galaxie vor 10 Milliarden Jahren in einer Supernova explodierten und in der enormen Hitze dieses Prozesses eine große Zahl von Elementen gebildet wurden, ins Universum geschleudert wurden und durch die Anzie­hungskraft verfügbar wurden. Zu der Vielzahl der Sterne, die daraus entstanden, gehörte die Sonne, die im Prozeß ihrer Entstehung den Großteil der schwebenden Materie ins All schleuderte und den Rest in einer Kette von rotierenden Materiebündeln um sich kreisen ließ. Aus ihnen entstanden Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto. Erst durch die gewaltige Supernova also konnte die Sonne und mit ihr der Planet Erde entstehen, konnte sich Vegetation, Leben und Bewußtsein bilden. Jeder Schritt in diesem Prozeß ist ein nicht wieder rückgängig zu machender Schritt. Es kann nicht rückwärts gehen, es kann sich nicht wiederholen.

Drei grundlegende Prinzipien jedoch sind es, die die Kosmogenese in Zeit und Raum und auf allen Ebenen der Wirklichkeit ausmachen: Differenzierung, Selbstorganisation und Ge­meinsamkeit. Der erstgenannte Begriff der Differenzierung kann dabei stehen für viele an­dere: Vielfalt, Komplexität, Ungleichheit, Heterogenität. Selbstorganisation kann stehen für Subjektivität, Selbsterschaffung, Identität, Empfindung, Präsenz, Individualität und Dynamik. Und Gemeinsamkeit schließlich steht für Beziehung, gegenseitige Abhängigkeit, Koopera­tion, Verwandtschaft, innere Struktur, Komplimentarität und allgegenwärtige Mitgliedschaft in der dynamischen Evolution des Kosmos. Mit der Geburt des Lebens begann ein sich selbst organisierender Prozeß über vier Milliarden Jahre, in dem das Leben die geologischen und atmosphärischen Bedingungen auf dem Planeten Erde umgestaltete und die Grundlagen schuf für die Evolution des Lebens.

Kosmogenese, Transzendenz und Kooperation mit der Schöpfung

Heute können wir erkennen, daß die Geschichte des Menschen identisch ist mit der Ge­schichte des ganzen Planeten. Es brauchte 15 Milliarden Jahre, um den Planet Erde zu bil­den, Bewußtsein entstehen zu lassen und jedes einzelne Individuum hervorzubringen. Also ist die Geschichte jedes menschlichen Individuums identisch mit der Geschichte des Univer­sums. Kein einziges menschliches Individuum kann erklärt werden, ohne diese 15 Milliarden Jahre zu erklären. Der Mensch kann nicht erklärt werden, ohne das wir die Sterne erklären, ohne das wir die riesige Menge der natürlichen Erscheinungen erklären. Es läßt sich sogar sagen, daß der Mensch in einem Universum, das weniger alt als dieses und weniger groß als unseres wäre, gar nicht hätte entstehen können. Es brauchte exakt dieses riesige Univer­sum und diese unglaublich lange Zeitspanne und all diese Wandlungsprozesse, um den Menschen entstehen zu lassen. Die Menschen passen deshalb perfekt in die einmalige Struktur des Universums herein. Wir sind keine Fremdkörper, kein Irrtum der Evolution und stehen nicht außerhalb dieses Prozesses. Vielmehr sind wir die vorläufigen Endprodukte eines ungeheuern Weges von Transformationen, Synthesen und Kooperationen in einem sich selbst entfaltenden Universum, dem wir angehören und dessen Teil wir sind. Und es ist von enormer Wichtigkeit für jedes menschliche Individuum, diese Tatsache zu erkennen.

Die moderne wissenschaftliche Erkenntnis, daß wir in einem evolutionären Universum leben, kann auch dazu führen, daß wir die Tiefe unsere Verbindung mit diesem schöpferischen Prozeß auf eine neuen Ebene begreifen. So ist eine der Konsequenzen aus diesem Wis­sen, daß wir zutiefst verbunden sind mit allen anderen Erscheinungsformen des Univer­sums. Wir sind verbunden mit den Bäumen, wir sind verbunden mit den Insekten, wir sind verbunden mit den Meeren, den Bergen, den Flüssen, den Sternen. Alles und jedes, was existiert, steht in einer inneren Beziehung mit uns als Individuen und uns als Zivilisation. Durch all diese Erkenntnisse müßte unsere Beziehung mit dem Universum eigentlich von einer viel größeren Intimität geprägt sein, als die kosmische Verbundenheit traditioneller Völ­ker. Doch wir haben die philosophischen und spirituellen Dimensionen der modernen Er­kenntnisse noch nicht entdeckt.

Wir formen eine Gesellschaft. Es ist eine Tatsache, daß wir ein Produkt des Planeten Erde sind, der zu einer bestimmten Zeit Gestalt annahm, woraufhin alles was passierte, Teil eines einzigen Prozesses war. Dieser Prozess, der zuerst die Erde formte, brachte dann Luft, Wasser, Land, Erdreich und lebendige Wesen hervor. Dieser Prozeß hat eine Kontinuität und eine Struktur, in der alles mit allem in Verbindung steht.

Dieser Gedanke führt uns zu einer Analogie zwischen unten und oben, zwischen Materie und Geist, zwischen Mikro-, Meso-, Makrokosmos. Die Einsichten der modernen Wissen­schaften sind nicht nur materielle Wahrheiten. Was sich über das Universum sagen läßt, läßt sich auch über das Göttliche sagen. Das Göttliche vermittelt sich in der kreativen Welt. Die Genialität des Göttlichen besteht darin, der Schöpfer des Universums zu sein, daß sich selbst hervorbringt. Das Göttliche als den Schöpfer eines Universums zu sehen, welches sich selbst erschafft, ist ein viel schöneres Bild, als einfach nur einen Schöpfer anzunehmen. Denn bei einer einmaligen Schöpfung hätten wir ja ein manipuliertes Universum. Das Göttli­che hat kein manipuliertes oder determiniertes Universum erschaffen. Das Göttliche hat sich nicht nach 6 Tagen Arbeit aus der Schöpfung zurückgezogen. Das Göttliche schafft das Uni­versum und erschafft sich damit selbst. Darin liegt das Wunder der Schöpfung: Ein Ausdruck des Göttlichen zu sein, das aus sich selbst heraus handelt.

Kosmogenese und Schöpfungsgeschichte

Wir haben noch kein Gespür dafür, daß es nur eine große Gemeinschaft des Existierenden gibt, die das ganze Weltall einschließt. Besäßen wir dieses Verständnis, so würden wir er­kennen, das in diesem Sinne auch der Planet eine einzige vielfältige Existenzform ist. Denn es gibt keinen materiellen Planeten neben einem biologischen Planeten oder einem menschlichen Planeten. Es gibt nur einen Planeten, eine Gemeinschaft und einen einzigen großen Prozeß gegenseitiger Verbindungen. Wenn eines beschädigt wird, wird alles ge­schädigt, wenn die äußere Welt Schaden leidet, leidet die innere Welt des Menschen Scha­den. Es ist ein Prozeß.

Es ist notwendig, die Geschichte des Universums, des Planeten Erde, die Entwicklung des Lebens auf der Erde und die Entstehung des Menschen zu erzählen und all diese neuen Erkenntnisse mit ebensoviel Respekt zu behandeln, wie unsere Vorfahren ihre Schöp­fungsmythen feierten. Die neue Schöpfunggeschichte ist so wichtig, weil sie uns ermöglicht zu verstehen, wer wir sind, wie wir entstanden, in welcher Beziehung wir zu anderen Formen des Seins stehen und weil sie uns deutlich macht, daß wir Teil eines kooperativen Ganzen sind. Eine neue Schöpfungsgeschichte, die wir unseren Kindern wie ein Märchen erzählen, hat die Kraft uns rückzubinden an eine verlorengeglaubte Beziehung zur Schöpfung, zur Natur, zum gemeinsam Urgrund oder transzendentem Hintergrund. In der neuen Schöp­fungsgeschichte verschmelzen Gottesbild und Naturspiritualität, Transzendenz und empiri­sche Kosmologie. Sie muß zum Bestandteil unserer kulturellen Tradition werden, weil sie nach einer Phase des analytischen und trennenden Erkennens nun die Synthese der Ein­sichten bietet und einen kolossalen Prozeß der Entfaltung zeigt, den die Evolution auf phy­sikalischer, chemischer, biologischer und geistiger Ebene vollzogen hat, seit vor 15 Milliar­den Jahren alles in einem Feuerball aus Energie, Kreativität und Möglichkeit entstand. Erst die Anerkennung der planetaren und kosmischen Geschichte in den Tiefen unseres Be­wußtseins wird uns auf eine neue Art mit dem Heimatplaneten verbinden.